Hannoversche Standortbestimmung
Yes, we can!
Text: Florian Pfitzner Bild: Imago
Vor den letzten drei Spieltagen sprachen viele in Hannover von der »Woche der Wahrheit«. Angetrieben durch den hochstilisierten Titel sollte die Mannschaft von Dieter Hecking endlich in der Saison an- und aus der unteren Tabellenregion wegkommen.
Mit Werder Bremen, Hertha BSC und dem Hamburger SV warteten drei Gegner innerhalb von acht Tagen, die allesamt ein bis zwei Anspruchsstufen über Hannover 96 stehen. Fair betrachtet konnte von realistischer Standortbestimmung demnach eigentlich keine Rede sein. Zumal die Abwehr der Niedersachsen verletzungsbedingt Sorgen bereitete. Insgesamt hat sich die Hecking-Elf nach den durchwachsenen Leistungen gegen Werder und Hertha durch den beeindruckenden Sieg über den HSV jedoch achtbar aus der Affäre gezogen.
Wenn’s in einer Mannschaft nicht läuft, ist der Torhüter meistens von der Generalkritik ausgenommen. Logisch: Während die Vorderleute ein ums andere Mal patzen, hat der auf Touren gekommene letzte Mann die Möglichkeit, sich erfolgreich auszuzeichnen. Bis auf die herbe Heimniederlage gegen Hoffenheim (2:5), an der Florian Fromlowitz maßgeblich beteiligt war, hatte dieses Muster auch für Hannover 96 Bestand. Den Faden weitergestrickt, ließ sich die Leistungsbilanz vorm HSV-Spiel allein beim Blick auf die »Mann des Spiels«-Gesamtwertung auf der Vereins-Homepage festmachen: Robert Enke lag (immer noch) in Führung, Florian Fromlowitz sahen die Fans bis Samstag bei drei Einsätzen zwei Mal als besten 96-Akteur.
Nach dem 11. Spieltag und dem starken Auftritt gegen den großen Nachbarn aus dem Norden haben sich endlich wieder einige Feldspieler mit Nachdruck zur Wahl gestellt. Ausgerechnet Heckings Verlegenheits-Innenverteidigung Balitsch/Schulz legte mit einer konzentrierten Leistung den Grundstein für den Zu-Null-Erfolg. Hannover 96 überzeugte nicht nur durch Engagement und Laufbereitschaft, auch spielerisch wussten sich die Niedersachsen immer wieder durch sichere Ballstafetten zu entfalten. Aufopferungsvoll und leidenschaftlich gelang somit ein verdienter Triumph, der vor allem durch die mannschaftliche Geschlossenheit zu Stande kam. Zwischen Fromlowitz und Forssell ist teamintern niemand abgefallen.
Die böse Chiffre »Nürnberg«
Nur wenige rot gekleidete Fans im Rund der AWD-Arena trauten ihrer Mannschaft diesen Streich im Vorfeld zu. In den Monaten seit Saisonbeginn hat das Vertrauen stark gelitten. Nicht nur, dass die einst euphorisch ausgerufene Losung »Angriff auf die Uefa-Cup-Plätze« so schnell von der Agenda gestrichen werden musste, wie die Erkenntnis reifte, dass namhafte Neuzugänge noch nicht in Hannover angekommen sind. In einigen Reihen kursierte sogar die böse Chiffre »Nürnberg« – offenbar angestachelt von dem warnenden Beispiel des Pokalsiegers von 2007, dessen postwendender Abstieg aufgrund vermeintlicher Güte lange Zeit nicht für möglich gehalten wurde.
Mit solchen Gleichnissen wollen Dieter Hecking und sein Team nun nichts mehr zu tun haben. Während des imposanten Beweises gegen den Hamburger SV kam zudem eine wichtige Tatsache ans Licht: Es spielt in kritischen Fällen keine Rolle, wer auf dem Platz steht und welches System den Vorzug erhält. Entscheidend ist die Überzeugung von der eigenen Stärke und der uneingeschränkte Siegeswille. Im Umkehrschluss müssen sich Trainer wie Spieler den Vorwurf gefallen lassen, dass sie gerade diese Werte in der Vergangenheit oft nicht effizient umgesetzt haben.
Von wegen »Woche der Wahrheit«! Ihr Können ließen die »Roten« bereits vorher erahnen. Der Sieg gegen den HSV ist lediglich der dritte Befreiungsschlag binnen kürzester Zeit und kann nur der Anfang des Stabilisierungsweges gewesen sein. Bis Ende November trifft Hannover 96 ausnahmslos auf Kontrahenten, deren Ambitionen ähnlich den eigenen sind oder darunter liegen. Jetzt geht es darum, den Wandel zu bestätigen, Versäumtes aufzuholen und den Punktehaushalt zu sanieren.
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