Kein & Aber Verlag 304 Seiten / 19,90 Euro
Fabio Stassi: Die Trophäe
Text: Ulrich von Berg Bild: Promo
Wer weiß noch, dass beim ersten Spiel der ersten Weltmeisterschaft 1930, als der Kampf um die Göttin, den Coupe Jules Rimet begann, um das Spielfeld herum und auf den Rängen Schnee lag?
Am Anfang stand die Begegnung Frankreich gegen Mexiko (4:1), für Fabio Stassi, den 48-jährigen sizilianischen Autoren des berührendsten Fußballromans seit langer Zeit, und seinen Helden Rigoberto ist das nur eine von vielen Symmetrien des Schicksals. Die Göttin lieferte einen Hinweis auf den Ort, an dem sie geboren wurde (Paris), sowie auf den, an dem sie vierzig Jahre später für immer gewonnen werden würde (Mexiko City). Und in den ewigen Schnee soll die Diosa jetzt, am letzten Tag des 20. Jahrhunderts, auch für immer zurückkehren. Rigoberto, der sie nach etlichen gescheiterten Versuchen in seinen Besitz gebracht hat, will sie genau am Südpol deponieren, damit sie sich »in den Lichthöfen des Eises in der Atmosphäre spiegeln und ihren geflügelten Schatten aus Eis und Wolken werfen kann«. Am Tag vor der Vollendung seines Lebenswerkes, gewährt Rigoberto einer jungen Journalistin ein Interview und lässt dabei sein bewegtes Leben Revue passieren. Am Anfang, im brodelnden Paris der späten zwanziger Jahre, stand für den dunkelhäutigen Mann eine »Amour fou«, die bald zur Obsession wird. Die Liebe zur schönen Kinokassiererin Consuelo aus Andalusien bleibt eine kurze, aber immer erinnerte Begegnung, weil das Modell für die WM-Trophäe einem Wahnsinnigen zum Opfer fällt. Was bleibt, ist allein die Begierde nach ihrem Ebenbild aus Gold. Nicht des Besitzes wegen, nur um seiner Existenz Sinn zu verleihen. Gleichermaßen Odyssee wie Quest, beginnt für Rigoberto ein Leben im Rhythmus der WM-Turniere, ein halbes Jahrhundert lang. Die mal verzweifelte, mal tragikomische Jagd nach dem Pokal führt ihn auch immer wieder an Brennpunkte der Unterdrückung: ins faschistische Italien, den spanischen Bürgerkrieg, das Frankreich der bedrohten Volksfront, nach Nazideutschland, ins revolutionäre Kuba und in diverse südamerikanische Militärdiktaturen. In vielen antifaschistischen Kämpfen schärft sich Rigobertos politisches Bewusstsein, im Grunde ist er ein fußballverrückter Undercoveragent der Weltrevolution, der seine umstürzlerischen Umtriebe mit der Groteske um den Coupe Rimet verbrämt. Völlig unpathetisch, aber mit einer Wehmut, die einen oftmals völlig unvorbereitet ins Mark trifft, versucht Stassi permanent, aber ohne Redundanz, Fußball und Revolution zusammenzubringen. Seine Prosa swingt wie der Nuages von Django, und ihm gelingen Analogien, die man sofort ins eigene Repertoire zu übernehmen bereit ist. Beispielhaft ist diese Episode, in der während der WM in Chile der Trainer Brasiliens Rigoberto um Rat angeht: »Nach Pelés Verletzung suchte mich Aimoré Moreira in meinem Hotel auf. Er war verzweifelt. Jemand musste ihm gesagt haben, dass ich der Einzige sei, der ihm noch helfen könne. Aus der Schublade meines Nachttischs zog ich mein Notizheft hervor, das voller Skizzen von Kampfstellungen war. Ich hatte sie erarbeitet, als ich mich mit der kubanischen Guerilla auseinandersetzte. Wenn sie in den Bergen der Sierra Maestra funktioniert hatten, würden sie ebenfalls auf einem viereckigen Rasenstück funktionieren.« Stassi schreibt mit der Moral auf seiner Seite mitunter die Fußballgeschichte um, aber jemandem, der solche Passagen zu Papier bringt, glaubt man so ziemlich alles.



