Kunstmann Verlag 150 Seiten / 16,90 Euro
Rainer Moritz: Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs
Text: Philipp Köster Bild: Promo
Das Abseits in seiner passiven Variante hat in den vergangenen Monaten nicht nur den bedauernswerten Griechen Teofanis Gekas um den Verstand gebracht...
...da trifft es sich gut, dass der Kunstmann Verlag das Abseits-Kompendium von Rainer Moritz neu veröffentlicht hat, in dem die »verzwickte Regel« (Moritz) noch einmal aus philosophischen, regeltechnischen und emanzipatorischen Blickwinkeln beleuchtet wird. Das ist teilweise sehr erhellend, etwa wenn die Forderungen nach Abschaffung der Differenzierung in Aktiv und Passiv mal wieder laut werden und Moritz nicht ohne Hohn darauf verweist, dass die Abseitsregel schon immer eines war: Ansichtssache. Denn schon 1904 wurde auf dem Bundestag des noch jungen DFB der Antrag eingereicht, dass ein Abseitspfiff nur dann ertönen solle, »wenn der abseitsstehende Spieler das Spiel« beeinflusse. Wenn nun Frank Neubarth formuliert: »Es gibt nur Abseits, Punkt - und nicht ein bisschen Abseits!«, dann höhnt Moritz, es sei doch erstaunlich, wie es gelingen könne, mit solchem Kenntnisstand Regionalligaspiele zu verfolgen. Der Mann kann sich den Spott leisten, amtierte Moritz doch immerhin acht Jahre als Schieds- und Linienrichter. Auch wenn er offen lässt, ob er womöglich nur vom Heimatverein bei D-Jugendspielen dienstverpflichtet wurde. Die Fachkenntnis schützt den Autor vor der Versuchung, ausgelatschte humoristische Pfade zu betreten. Etwa
jenen, Frauen eine geringere Antizipationsfähigkeit bei der Früherkennung von Abseitspositionen zu unterstellen, ein Standard, den Bierzelthumoristen bis heute gerne im Repertoire haben.
Dass sich im letzten Drittel des 150 Seiten starken Buchs ein wenig Ermüdung einstellt, ist weniger dem nachlassenden Elan des Autors geschuldet als der Erkenntnis, dass die Abseitsregel vielleicht doch nicht den Nukleus der Begeisterung für das Fußballspiel ausmacht. Der Zuschauer erregt sich zwar über falsche Pfiffe, das Herz erwärmt die Regel nicht. Ungeachtet der Tatsache, dass man ihr damit natürlich schreckliches Unrecht antut, weil sie eben doch das »regulative Gesetz« ist, das den Mannschaftssport Fußball zivilisiert und ihm womöglich erst den Siegeszug als globalem Volkssport geebnet hat.



