Piper Verlag 367 Seiten / 16,95 Euro
Metin Tolan: So werden wir Weltmeister: Die Physik des Fußballspiels
Text: Ulrich von Berg Bild: Promo
Eine WM steht vor der Tür, da sind, wie schon 2006, die Verlage wieder empfänglich für alles, was mit Fußball zu tun hat und mag der Bezug auch noch so konstruiert sein.
Diesmal also Physik und einer ihrer buckligen Verwandten, die bei Statistikfreaks so beliebte Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man schlägt das Buch an beliebiger Stelle auf und alle Alarmglocken schrillen los. Formeln über Formeln, eine verstörender als die andere.
a = v²/(2×s). Genau! W₁:₂(p) = p×(1-p)². Sowieso! Das erste Ungetüm benennt selbstredend die Kraft, die auf einen Torwart einwirkt, wenn er den Ball fängt; das zweite verrät uns die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft, die 1:0 führt, das Spiel noch mit 1:2 verliert. Und dann erst die bahnbrechenden Erkenntnisse einer gewissen Yanina Lyesnyak. Die hat »im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit herausgefunden, dass in 34 von 64 Partien der WM 2006, also bei 53 Prozent aller Spiele, mindestens zwei der 23 Personen auf dem Platz (22 Spieler plus Schiedsrichter), am selben Tag Geburtstag hatten«. Und was schließen wir daraus? Gar nichts natürlich, weisen aber Yanina dezent darauf hin, dass ihre Versuchsanordnung doch irgendwie eine empörende Diskriminierung der Fähnchenschwenker an den Seitenlinien beinhaltet. Vielleicht hängt sie noch mal ein Forschungssemester dran und legt uns alsbald die korrigierten Ergebnisse vor. Der Einstieg gestaltet sich also äußerst zäh, und man fragt sich ständig, was das alles soll. Leidet man doch sowieso darunter, dass der Fußball von allen Seiten verwissenschaftlicht wird. Will da etwa schon wieder so ein Eierkopp den neunmalklugen Besserwisser mimen? Doch Metin Tolan gelingt es nach und nach, den Leser auf seine Seite zu ziehen, vorrangig dadurch, dass er ganz auf die Karte Overkill setzt. Ackert man das Buch vollständig durch, hat man gegen sein Dauerfeuer keine Chance. Er dröhnt einen zu mit der Beantwortung von Fragen, die man von sich aus nie gestellt hätte, und von den Antworten sind viele nur trivial und meilenweit weg von jeder auf dem Platz erfahrbaren Realität, etliche eröffnen einem aber tatsächlich einen neuen Blick auf bestimmte Aspekte des Fußballs. Blitzgescheit ist etwa seine mit den Gesetzen der Physik hergeleitete Argumentation, warum Frauenfußball heute langweiliger ist als der der Männer, irgendwann aber einmal spannender sein wird. Gerne konstatiert man Tolan auch, dass er hochkomplexe Zusammenhänge so anschaulich erklären kann, dass ihm sogar diejenigen Banausen, die allerspätestens in der siebten Klasse Physik und Mathe zu ihren Haupthassfächern erkoren hatten, folgen können, zumindest stellenweise. Wenn man sich nur widerwillig an die Lektüre eines Buches macht, dann aber nach halber Strecke gefesselt ist, kann das Fazit wohl nur Daumen hoch lauten. Nur sollte der Leser stets im Auge behalten, dass vieles von dem, was Tolan errechnet, ausschließlich in der Studierstube des Wissenschaftlers Geltung beanspruchen kann. Hierfür ein Beispiel aus dem Kapitel »Wie spielentscheidend sind Rote Karten?«: Tolan weist nach, dass nach einem Platzverweis die verbleibenden neun Feldspieler eines Teams ihre Laufleistung nur um jeweils 5 Prozent erhöhen müssen (und nicht etwa um 10 Prozent, wie der Laie errechnen würde), um den Verlust des Rotsünders zu kompensieren. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass alle diese neun Spieler exakt gleich schnell und konditionsstark sind. Tja, und eine solche Mannschaft gibt es nicht, gab es nie und wird es nie geben.



