Gütersloher Verlagshaus: 164 Seiten – 17,95€
Christian Ewers: Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer
Text: Andreas Bock Bild: Imago
In die Party hinein platzt dieses Buch wie ein ungeladener Gast. Christian Ewers schreibt über die Tragödie des afrikanischen Fußballs – kurz vor dem Höhepunkt des afrikanischen Fußballs.
In Reportagen, Protokollen und Interviews berichtet der Autor von all jenen Kickern, die jedes Jahr aus Ghana oder Kamerun oder Sansibar nach Europa aufbrechen, die von windigen Beratern gelockt werden, von Spielern, die eigentlich noch Kinder sind. Einige von ihnen stranden nach Jahren in dritten oder vierten Ligen auf einem vermüllten Kunstrasenplatz in Saint-Denis bei Paris, sie verharren dort, träumen von Angeboten und der Ligue 1 und klammern sich an Typen wie Abel Chijou Chilacha, ebenfalls aus Afrika, ebenfalls in einer Art Warteschleife des Lebens. Chilacha stellt sich am Telefon bei PSG als »Rigobert Song« vor, um die Spieler anzupreisen und dann vielleicht eine Provision zu kassieren. Er landet zumeist im Fanshop oder bei Computerstimmen. Auch so ein Fall von Sehnsucht – und Verzweiflung.
Und genau hier wird das vielleicht größte Dilemma sichtbar: Das Fußballgeschäft in Europa ist ungeduldig. Das erfuhr schon Ibrahim Sunday, der erste Afrikaner in der Bundesliga. 1975 wechselte er zu Werder Bremen, er wurde fast gedrängt: »Als ich ankam, war es kalt und es regnete. Meine Mitspieler sagten nicht viel zu mir. Wochenlang nur: hello und goodbye.« Eine unverstehbare neue Welt in jeder Hinsicht. Sunday machte nur ein Bundesligaspiel. Das grundlegende Problem basiert aber nicht nur auf der Eile des modernen Fußballapparates und dem Kulturschock, den die Spieler in kurzer Zeit oft nicht überwinden können, sondern auch an falschen Versprechungen der Landsleute.
Denn nicht nur Armut, Seuchen und Kriege trieben die Afrikaner nach Europa, sondern auch die Legende vom besseren Leben, so Ewers These. Jedenfalls würde kaum ein Spieler seiner Familie in der Heimat davon berichten, dass er gescheitert sei und in Pariser Banlieues auf ein besseres Leben warte. »Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer« ist daher nicht nur ein Buch über Sehnsüchte, sondern vor allem über ungeliebte Wahrheiten. Und das macht es in Aussicht auf romantische und verklärende WM-Bilder aus Südafrika gerade jetzt zu einem wichtigen Beitrag.



