Uruguay-Deutschland im 11FREUNDE-Liverticker
Es gibt Ananas!
Text: Lucas Vogelsang und Andreas Bock Bild: Imago
Im kleinen Finale gegen das kleine Uruguay gewinnt eine nicht ganz so große deutsche Mannschaft die goldene Tropenfrucht des Turniers und kann sich mit bronzenen Enzymen trösten. Lecker. Mmmmh. Der 11FREUNDE-Liveticker schälte mit!
20:00 Uhr
Willkommen also zum Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und Uruguay, dem Tanz um die goldene Ananas. Es ist das kleinstmögliche Finale für die deutsche Mannschaft – aber anders als noch vor vier Jahren kein bunter Trostpreis, der in der Euphorie eines sommerlichen Märchenabends zur Weltmeisterschaft der Herzen verklärt werden kann. Direkt nach dem Halbfinal-Aus sprach Philipp Lahm aus, was wohl viele im deutschen Team nach der Niederlage gegen Spanien dachten: »Auf das Spiel um Platz drei habe ich überhaupt keine Lust.«
Schon wieder ein Finale ohne Titel, schon wieder ein begeisterndes Turnier, von dem die Deutschen mit leeren Händen nach Hause kommen. Herzensweltmeister, das nervt. Wie ein Einkauf bei Kaiser’s, wenn die Kassiererin mechanisch und unausweichlich fragt: »Sammeln Sie Herzen?« Nein. Danke für Nichts. Philipp Lahm sammelt keine Herzen. Schweinsteiger genauso wenig. Egal, ob es eine Tupper-Kollektion oder ein Pfannenset als Prämie gibt.
Joachim Löw nutzt dieses Spiel, um einige Schattenkinder für ihren stillen Beitrag zur Mannschaftsleistung mit einem Bad im Flutlicht zu belohnen. Jörg Butt steht im Tor, Dennis Aogo spielt für Jerome Boateng. Lahm, Klose und Podolski fehlen verletzt. Deutschland spielt also, zumindest was die Aufstellung angeht, mit einer besseren B-Mannschaft.
An Löws grundsätzlicher Einstellung wird das nichts ändern. Er wird von seiner Mannschaft noch einmal all das einfordern, was sie im Rausch gegen England und Argentinien gezeigt hat. Es geht hier immerhin noch um Platz drei, um das Pfannenset dieser WM. Gleich geht's los!
20:05 Uhr
Das kleine Finale. Das klingt schon so, naja, klein. Ein winziger Trostpreis. Und alle Stammspieler haben plötzlich eine Erkältung, die, würde Deutschland morgen spielen, wahrscheinlich nur ein leichter Schnupfen wäre, jetzt aber eine fatale Grippe werden könnte. Aber wir können die Nationalspieler ja auch verstehen. Die Luft ist raus. Die Motivation schwitzt im Jahrhundertsommer und hält den Kopf unter Wasser, bis keine Bläschen mehr aufsteigen. Hier deshalb, um die Vorfreude zu steigern: Kleine Sachen, die einfach schön sind und uns immer Freude bereitet haben: Der kleine Prinz, das kleine Schwarze, das kleine Fernsehspiel, Emmanuel Petit, die kleine Nachtmusik, the Small Faces, das kleine Arschloch. Kleine Pause noch, dann ist Anstoß.
20:15 Uhr
Wir sind trotzalledem sehr aufgeregt. Auch wenn sich das Spiel um Platz 3 ähnlich spannend ankündigt wie der Trostrunden-Cup bei Robinson-Club-Tischtennis-Turnieren auf Mallorca. Und auch wenn es am Ende eine Medaille gibt, die kaum wertvoller ist als der Goldnugget, den es im Hansa Park an der Ostsee für kleine Goldgräberkinder gibt. Egal, egal, egal. Schließen wir einfach die Augen und denken an was Schönes (eine bunte Tüte mit Schlümpfen und Sauren Gurken; ein Film mit Audrey Tautou; eine stets gegen den Strom laufende Ameise in einer Ameisenstraße).
20:23 Uhr
Kapitän ist heute Bastian Schweinsteiger. Er wirkt allerdings schon beim Händeschütteln erschöpft wie Siegfried oder Roy nach ausgiebigem Kampf mit einem weißen Königstieger. Dafür hat man ihm heute ein kleines Einlaufkind an die Hand gegeben, das sich frisutechnisch irgendwo zwischen Mister-T und Christian Ziege anno 2002 positioniert. Auch wenn das Kind erst drei oder vier oder acht Jahre alt ist: Junge! Es gibt bessere Statements! (Z.B. ein Stirntattoo mit Diego-Konterfei)
20:30 Uhr
Dann kommen auch noch Theo Zwanziger und Sepp Blatter zu Besuch. Schütteln der deutschen Mannschaft die Hände, wie zwei Großväter an Weihnachten, die seit Jahren schon Witwer sind und zu Familienfesten immer mit denselben Geschenken und selbstverfassten Gedichten erscheinen. Erinnern sich kaum an die Namen ihrer Enkel, erzählen aber die ewig gleiche Geschichte vom Krieg. Und dann gibt es Schnaps. Auch hier wird angestoßen. Prost.
1.
Die Deutschen wirken, als wären sie noch in ihrem Jubelkreis aufgestellt, drehen sich aber gegen den Uhrzeigersinn. Uruguay mit Ballbesitz. Im Quadrat.
3.
Aogo, Jansen, Cacau und Tasci. Eine Aufstellung wie zu einem Freundschaftsspiel gegen Luxemburg. Und es gibt tatsächlich Fans, die 850 Euro für dieses Spiel bezahlt haben.
4.
Deutschland trotzdem wie ein Latin Lover auf einem Testosteron-Cocktail. Geht sofort in die Offensive. Aber Uruguay ist noch nicht soweit. Will nur kuscheln.
8.
Die deutsche Mannschaft reagiert adäquat auf das nordamerikanische Spielverhalten der Südamerikaner. Mit einem Hamburger-Angriff. Aogo schickt Jansen. Ecke. Doch die schmeckt nur so fad wie ein Veggie-Burger unter dem großen M.
6.
Das Spiel deshalb tatsächlich in einer Art Abtastphase. Dann aber Freistoß für Uruguay. Forlan schießt, bleibt aber an der Hand von Cacau hängen. Deshalb noch einmal Freistoß weiter vorne. Uruguay tastet sich Meter um Meter heran wie sonst nur die eierlaufenden Kühlschränke beim American Football. Zehn Yards Raumgewinn. Und wir wissen wieder, warum wir American Football nichts abgewinnen können. Immerhin zeigt die ARD keinen eingeklinkten Werbeblock. Dafür aber Forlan, der sich für ein Fieldgoal entscheidet. Wie gesagt: Langweilig.
10.
Oha. Nach Ecke von Özil schraubt sich Arne Friedrich nach oben und köpft den Ball an die Latte. Der neue Torjäger vom VfL Wolfsburg schielt ja mit einem Auge noch auf die Auszeichnung »Goldener Schuh«. Zu Recht.
12.
Deutschland nistet sich in der uruguayischen Hälfte ein. Die Südamerikaner ihrerseits flanieren eher über das Feld, als dass sie laufen. Jetzt noch ein Buch, ein paar Notizzettel oder eine Skizzenheft unterm Arm und wir hätten das Bild des Pariser Müßigganges der 20er Jahre. Ungefähr.
14.
Jansen macht auf der linken Seite gut Tempo. Fucile muss immer wieder berserkerartig dazwischen gehen. Jansen nimmt's mit der Gelassenheit eines Cowboys kurz hinter El Paso.
17.
Oscar Tabarez, für den sie in Montevideo jetzt schon drei Statuen aus Bronze gegossen haben, schaut ein bisschen skeptisch. Fürchtet er Thomas Müller? Jaaaa! Tooor! Wahrscheinlich. Thomas Müller! Schweinsteiger schmettert den Ball aufs Tor wie früher eine Andre-Agassi-Vorhand. Thomas Müller schlenzt den Abpraller ins Tor wie ein Anke-Huber-Topspin. So luftig wie Milchschnitte. Vorteil Deutschland!
20.
Uruguay verteidigt weiter. Zunächst gegen Deutschland – am Ende gegen sich selbst. Die Geburt der Achterkette plus Vorstopper.
22.
Nun zaubert Deutschland wieder. Ein bisschen jedenfalls. Özil auf Khedria, der bringt den Ball in die Mitte, wo Cacau mit Drei-Meter-Stiefeln heran eilt. Uruguay verteidigt nun mit Doppellibero. Wo ist eigentlich Lothar Matthäus?
25.
Wie Friedrich hier wieder auftrumpft! Vorne stürmt er als Lionel Messi anno 2010, hinten verteidigt er als Alessandro Nesta anno 2001. Eine postmoderne Spielercollage.
27.
Jetzt könnte man wieder anfangen mit diesem Was-wäre-wenn-Spiel. Was wäre nur gewesen, hätte dieser Müller gegen die Spanier mitspielen können. Diese personifizierte Unruhe, das Überraschhungsmoment in kurzen Hosen, der auf dem Platz nur seinem Instinkt folgt. Um Gefahr zu erzeugen, nicht, um ihr aus dem Weg zu gehen. Wie ein sechssinniges Eichhörnchen. Stattdessen hatten wir nur Trochowski. Ein Wiesel. Nur gänzlich ohne Instinkt. Nur es nützt nichts. Schauen wir dem Eichhörnchen lieber zu, wie es die goldene Ananas zurück in sein Nest schleppt.
28.
Aber die Uruguayer haben was dagegen, wollen diese Tropenfrucht unbedingt mit nach Hause, nach Montevideo nehmen. In ihr kleines Land, das von so einer Ananas lange satt werden kann. Schweinsteiger verliert den Ball im Mittelfeld. Dann geht alles sehr schnell. Und plötzlich schiebt Cavani den Ball an Butt vorbei. TOR! Deuce. Wenn das so bleibt, gehen wir in den Tiebreak. Es könnte das längste kleine Finale aller Zeiten werden.
30.
Das Spiel, das gerade interessant zu werden versprach, verfällt wieder in die unausweichliche Lethargie eines simulierten Endspiels. Deutschland versucht so zu wirken, als hätte der Ausgleich keine Wirkung gezeigt. Doch wäre das hier ein Casting für eine Schauspielschule, würde es keiner der Spieler in den Recall schaffen. Jansen angeknockt. Wirft sich als Handtuch auf den Boden.
33.
Wieder nur wenig Druck im deutschen Angriffsspiel. Es fehlen die Mittel. Wäre die deutsche Offensive ein Geiselnehmer, er hätte die Geiseln vergessen. Wieder Schwierigkeiten bei der Ballannahme. Gelächter. That's the sound of da police.
35.
Das Interesse erschlafft, die Gedanken wandern ab. In die Ornitologie. In den Himmel über Berlin. Tausend Schwalben. Ist ja auch Jahrtausendsommer. Immer noch 1:1. Wann gibt es hier eigentlich Hitzefrei?
37.
Manchmal sieht es hier aus wie große Fußballlschule: Özil versucht einen Doppelpass mit Khedira. Spielt den Stuttgarter an, der mit dem Rücken zum Tor steht. Dann aber fällt dieser zu Boden, in der Zange von zwei hellblauen Hummern uruguayischer Art. Unschön. Dennoch: Fußball. Irgendwie.
39.
Was passiert eigentlich mit den 875 Millionen Vuvuzelas, wenn das Turnier morgen abgepiffen wird? Werden sie eingestampft und unter Hitze zu Playmobilfiguren modelliert? Behalten findige Bürgerhaus-Musiker diese Dinger gar und tun sich mit Panflöten-Trios zusammen, um als Freez-Jazz-Orchester am Berliner Kudamm aufzutreten?
41.
Suarez plötzlich ganz alleine vor Butt. Butt. Butt. Verzeihung: Suarez plötzlich ganz kläglich ganz alleine vor Butt. Butt. Butt. Verzieht um einen Meter.
43.
Es regnet mittlerweile Katzen, Hunde, Autoersatzteile und halbe Gletscher. Fritz-Walter-Wedder. Allerdings kein Schweini-Wedder. Der setzt einen Freistoß aus 18 Metern übers Tor. Sah man auch schonmal besser von ihm. Irgendwann letzte Woche.
45.
Durch die Riesenmöglichkeit von Suarez ist Kollege Bock aus seinem Frühabenschläfchen erwacht, wirkt erschrocken. »Warum geht da keiner hinterher?«, fragt er entgeistert, während er sich einen feinen Speichelfaden von der Wange wischt. »Weil das hier nur das Spiel um Platz drei ist.« Große Augen: »Das ist nur das Spiel um Platz drei? – dann gehe ich jetzt!«, sagt er und verschwindet als Punkt am glutroten Horizont. Seine Entschuldigung. Er hat Grippe. Na dann. Kein Problem. Ist ja nur das Spiel um Platz drei. Und das ist: Lahm auch ohne Lahm.
45. +1
Noch einmal ein Angriff der Deutschen. Cacau dribbelt in den Strafraum, scheitert aber an Muslera, weil er mitten im Angriff Sit-Ups machen will. Keine gute Idee, wenn man so anfällig für Bauchmuskelzerrungen ist. Keine gute Idee auch, wenn man ein Tor schießen will. Nur weiß Cacau eben auch: Auf der Bank sitzen nur Gomez und Kießling. Da könnte er auch den Rest des Spiels Klimmzüge an der Querlatte machen. Die beiden Kippspechte bleiben sowieso erstmal auf der Bank. Gomez ist ohnehin der eigentliche Grund, warum die Nationalmannschaft nicht in Berlin feiern will. Weil er in der aktuellen Form sogar das Brandenburger Tor verfehlen würde. Diese Blamage will man ihm ersparen.
Halbzeit
Schiedsrichter Archundia bläst in die kleine Pfeife zur kleinen Pause. Niedlich. Mehr Euphemismus als in diesem Spiel war nie. Wir geben ab zum kleinen Günter Netzer.
21:28 Uhr
Eine Halbzeit wie eine Warteschleife einer großen Krankenversicherung aus Berlin oder Hamburg oder Traunstein. Deutschland wollte am Anfang, dachte man zumindest. Dann stellte sich heraus, dass die meisten Spieler der DFB-Elf in Gedanken schon bei der Massagebank oder dem Lustigen Taschenbuch auf der Rückfahrt sind. Uruguay zunächst wie immer: Acht Verteidiger, dazu Forlan und Suarez. Und einem Mann namens Cavani, der eine Position spielt, die irgendwann in den nächsten 17 Jahren erfunden wird. Vielleicht.
46.
Zweite Halbzeit. Letzter deutscher Anstoß des Turniers. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir hoffen.
48.
Bastian Schweinsteiger hat sich nun zum Quadrat genommen. Versucht andere Totalausfälle damit zu kompensieren. Gute Idee, mal sehen was Schweinsteiger² davon hält.
49.
Suarez wirft sich selbst durch den Strafraum. Wie ein Bumerang. Zunächst scheitert Cavani an dem Bayern-Keeper, dann im Nachschuss Suarez. Doch irgendwie schafft es Hansjörg, die Faust kranartig auszufahren, dass sich der Ball deprimiert selbst zur Ecke klärt.
50.
Toooor! Diego Forlan macht seine fünfte Bude bei dem Turnier. Arevalo Rios (Typ Kompaktkühlschrank von Bosch) flankt den Ball an die Strafraumgrenze, dort steht der lässigste Uruguayer seit Eduardo Galeano und zimmert den Ball per Seit-Viertel-Fallzieher ins Tor. Hansjörg Butt deplatziert wie Andi Brehme im Bonmot-Workshop.
52.
Unglaublich. Gerade hatten wir uns eigentlich in diese Mannschaft verliebt. Sie war so schön, so jung, hat uns zum Lachen gebracht. Doch jetzt, beim siebten Date, ist alles anders. Die Witze sind schal, sie riecht nach altem Parfüm. Das das Make-Up blättert, Angriffe wie Orangenhaut. Das war vor einer Woche noch nicht so. Oder wir sind einfach wieder nüchtern.
54.
Aber dann: Tooor! So, Marcell Jansen köpft ein. Frei nach Norbert Nachtweih: »Die Flanke von Jerome Boateng war so lange in der Luft, als sie runterfiel war bereits Schnee auf dem Ball.«
56.
Jetzt kontern die Deutschen, Cacau treibt den Ball durchs Mittelfeld, ist zu schnell für seine Gegenspieler, spielt dann auf Özil, der eigentlich nur noch schießen müsste, dann aber noch ein bisschen für die Spielerbeobachter auf der Tribüne zaubern will. Verliert deshalb den Ball. Fußball ist eben manchmal auch wie ein Besuch im Strip-Club. Es reicht, wenn die leicht bekleidete exotische Tänzerin die Stange runter rutscht, sie muss dabei nicht noch mit lebenden Hamstern jonglieren, damit wir ihr Dollarscheine in den Tanga schieben.
62.
Nach einer kurzen Phase des Unentschiedens, einem Spiel wie leere Seiten, plötzlich ganz große Literatur. Forlan mit dem nächsten Schuss. Wie Wilhelm Tell, der ein Stück Apfelkompott von Butts Oberlippe schießen will. Doch der Butt hält mit mehr Faust als Goethe und Schimanski zusammen.
64.
Uruguay stürmt weiter, als wäre Butt die Bastille. Eine kleine Revolution im kleinen Finale. Aber Bayerns Keeper behält die Übersicht, rauscht in den Angriff wie eine Guillotine. Und das zur Hauptsendezeit.
66.
Große Lücken im deutschen Spiel. Das Mittelfeld grinst wie Alfred E. Neumann. Mad in Germany.
68.
Ecke Uruguay. Suarez bekommt den Ball. Schießt. Aber unsauber. Und das, obwohl er bei Ajax spielt.
70.
Jansen ist mittlerweile der beste deutsche Feldspieler. »Olaf?«, fragt Bock. Und hat das Dilemma der deutschen Mannschaft damit treffend zusammen gefasst. Abstiegskampf pur.
72.
Zwar klaffen hier mehr Lücken als beim Zahnarzt, doch wirklich nutzen kann die Freiräume niemand. Und apropos Abstiegskampf: Es fühlt sich ein bisschen an wie das verzweifelte Anrennen von Hertha in der letzten Saison. Und dabei ist das doch hier das Ui-Cup-Finale. Oder der Alpenpokal.
75.
Die Vorfreude auf eine Verlängerung dürfte bei den Spielern ähnlich groß sein wie auf ein Käse-Spinat-Senf-Thunfisch-Croissant um 7 Uhr morgens. Löw hat überhaupt keine Lust drauf, bringt Stefan Kießling, der gleich mit einem satten Torschuss einsteigt. Dann aber abschweift: Hmmmm. Spinat-Senf-Croissant.
77.
Bei Deutschland hoffen einige Spieler darauf, dass das Spiel per Münzwurf oder Hütchenspiel entschieden wird, was man in den letzten Wochen ausgiebig geübt hat. Lehnen sich jetzt zurück wie bei einem Lindenstraßenabend mit zwei Tüten Chips, Nachbarin Brigitte und ihrer scheintoten Katze Schnurri.
79.
Jansen gefällt uns gut. Nicht so gut wie uns jetzt ein Fallrückziehertor von Müller gefallen würde. Aber immerhin: gut. Gut. GUT! Ein unterschätztes, weil inflationär verwendetes Adjektiv. Nicht gut.
81.
Kießling rutscht durch eine Hereingabe wie Hackl Schorsch durch den Eistunnel. Dann aber Ecke von Özil. Der Ball fällt schwer in den Strafraum, flummit ein paar Mal umher, landet dann auf dem Kopf von Khedira und entscheidet sich, ins lange Eck zu reisen. Eine schöne Reise, in der Tat! Bzw.: IN DER TAT! TOR!
83.
Wenn jetzt nicht noch einmal Forlan aufdreht, wird Deutschland dieses Spiel gewinnen, das uns immerhin auch eine entscheidende Erkenntnis geliefert hat. Sie ist bitter. Aber Realität. Der erste Anzug der Deutschen passt hervorragend. Mit kleinen Lahm-Manschettenknöpfen und einer streng gebundenen Klose-Fliege. Dazu das glänzende Poldi-Zippo, das aus jeder Lage feuert, mit dem man aber bei den Frauen Eindruck schinden kann. Und im Ärmel steckt Müller, als As, oder endlos buntes Tuch, weiße Taube, tanzendes Kaninchen. Für den Knalleffekt, mit dem man der Mittelpunkt jeder Gala wird. Es ist ein ganz bezaubernder, eleganter Tuxido. Nur die zweite Garnitur passt nicht. Cacau, Trochowski, Gomez. Sie sind das Cord-Sakko mit den Filzflicken auf den Ellenbogen, das Tribal-Hemd aus der Sommer-Kollektion von C&A. Klamotten, die man nur anzieht, wenn wirklich alles andere in der Wäsche ist. Nur sollte man damit nie auf eine Single-Party gehen, um Frauen kennen zu lernen.
85.
Gerd Gottlob lässt diese WM noch einmal Revue passieren. Kommentiert jetzt aus dem Kopf die schönsten Momente der deutschen Mannschaft. Melancholie pur. Wehmut liegt in der Luft. Dann aber kontert Deutschland. Erst mit Boateng, dann mit Kießling. Beide scheitern aber an sich selbst. Und der melancholisch schweren Luft.
87.
Weiter Taschentuch-Kino in Port Elizabeth. Löw wechselt Tasci ein. Als Dankeschön dafür, dass er vier Wochen lang geschwiegen hat. Angela Merkel dürfte ihren Augen nicht trauen. In der DDR wurde man ja früher nur belohnt, wenn man nicht geschwiegen hat. Egal Tasci IM Spiel.
90.
Noch drei Minuten Weltmeisterschaft für dieses deutsche Team. Noch aber ist das Spiel nicht vorbei. Uruguay mit dem vielleicht letzten Angriff. Aber Friedrich krönt dieses Turnier mit einer MARVEL-Grätsche. Fliegt durch Forlan hindurch. Als Fantastischer Einer. Elastisch und steinhart zugleich.
90. +3
Eine Minute drüber. Uruguay bekommt noch einmal einen Freistoß per Stein-Schere-Papier zugelost – direkt an der Strafraumgrenze. Der Mann, der, wenn er könnte, eine WG an der Strafraumgrenze gründen würde, Diego Forlan, nimmt Anlauf. Er läuft, die Mauer zittert, er läuft, die Mauer zittert. Laufen. Zittern. Laaaaufen. Ziiiitttern. Ahhhh. Der Ball fliiiiiegt. An die Latte. Während Hansjörg Butt kollibrimäßig durch sein Tor flattert. Der Schiedsrichter, ein Vogelliebhaber aus Mexiko, pfeift ab. Deutschland ist Dritter. Danke! Toll! Wir sehen uns beim Alpencup oder anderen Fantasiesturnieren.
22:30 Uhr
Keine andere Nationalmannschaft hat häufiger den dritten Platz bei einer Weltmeisterschaft errungen als Deutschland. Die DFB-Elf ging also als ähnlich heißer Favorit in dieses Spiel wie Tim Wiese in ein Sonnenstudio-Wettsonnen mit Manuel Neuer. Und dennoch war es ein Spiel, dem schwarz-rot-goldene Lemminge ähnlich freudig entgegen fieberten wie einem Malefitzabend mit Gisela und Uwe im Seniorenheim umme Ecke. Am Ende wurde es ein flottes Ui-Cup-, pardon, WM-Spiel. Ein bisschen so, als hätte Uwe seinen Partyhut aufgesetzt und auf einem Batterie betriebenen Kofferplattenspieler ein Best-Of seiner alten Hans-Albers-Klassiker aufgelegt. Nach einem Start wie abgesprochen (Müller-Tor) konnte die DFB-Elf sogar einen 1:2-Rückstand drehen. Nicht mal der menschgewordene Torroboter Diego Forlan konnte verhindern, dass Deutschland das 3:2 über die Zeit zitterte. Und als selbst Serdar Tasci, der Beinahe-Günter-Hermann – noch 87,3 Sekunden mitspielen durfte, hatten wir uns alle sehr sehr lieb. Eine noble Geste vom Jogi.
Wie das so ist: Von Niederlagen lernen, heißt Siegen lernen. In diesem Sinne geben wir mit Medaillen behangen zurück in die nicht angeschlossenen Tickerhäuser.



