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29.04.2011

Jose Mourinho und die Presse

Geliebter Feind

Text: Julius Müller-Meiningen  Bild: Imago

Zwei Jahre führte José Mourinho als Trainer von Inter Mailand Krieg gegen die italienische Presse und jagte zugleich ihre Auflagen in die Höhe. Nun ist er weg – und die Reporter wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen.

Jose Mourinho und die Presse - Geliebter Feind


In der Woche danach hat sich Mirko Graziano von der »Gazzetta dello Sport« Urlaub genommen und sein Telefon ausgeschaltet. Stefano Pasquino von »Tuttosport« ist drei Tage ans Meer gefahren, um sich zu erholen. Am Schlimmsten hat es Andrea Ramazzotti vom »Corriere dello Sport« erwischt. Er ist unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Champions-League-Finale in Madrid ins Krankenhaus gegangen, weil es ihm »nicht so gut« gehe, wie er mit schwacher, fast versagender Stimme ins Handy haucht. Was genau es ist, weiß er auch nicht. Aber es wäre kein Wunder, wenn der Auslöser seiner Kreislaufprobleme José Mourinho hieße.



»Bitte erst in ein paar Tagen wieder melden!« Das ist die Standard-Antwort, mit der die Reporter von Italiens großen Sporttageszeitungen Fragen nach dem Gespenst abwehren, auf das sie in den vergangenen zwei Jahren Jagd gemacht haben. Oder war es der Trainer von Inter Mailand, der die italienischen Journalisten bis in ihre Träume verfolgt hat? Jedenfalls haben die Beteiligten ziemlich viele blaue Flecken aus ihrer zweijährigen Chaosbeziehung davon getragen. Es ist ein bisschen wie bei einem Wirbelsturm, der übers Land hinweg gezogen ist. Er hat alles durcheinandergebracht und war so schnell wieder vorbei, wie er aufgekommen ist. Jetzt rappeln sich die Geschundenen auf und begutachten den angerichteten Schaden.

Klein und verletzlich – als Jose Mourinho weinte

Am Ende haute es sogar José Mourinho selbst um. Nachdem er im ersten Jahr bereits italienischer Meister wurde, gelang ihm in der zweiten Saison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Keiner in Italien hatte das bisher geschafft. Nach 45 Jahren brachte er Inter den Pokal der Landesmeister zurück. Bei der Siegerehrung im Madrider Bernabeu-Stadion am 22. Mai brach Mourinho an der Brust des Inter-Präsidenten Massimo Moratti in Tränen aus wie ein kleines Kind. Zärtlich strich der Präsident dem Trainer einige Male über den Kopf, um ihn zu trösten. Der stolze Mourinho wirkte auf einmal ganz klein und verletzlich.

Der Moment bekam seine Dramatik vor allem aus dem Verrat, den Mourinho begangen hatte. Ohne wissen zu können, wie das Endspiel gegen den FC Bayern München ausgehen würde, hatte er sich für die kommende Saison Real Madrid als Trainer versprochen. Seit Monaten befeuerte er selbst die Gerüchte mit zweideutigen Aussagen und behauptete, er werde erst nach dem Finale entscheiden. Das war eine Lüge. Vielleicht wählte er deshalb für sein Geständnis nicht das italienische Fernsehen, sondern das deutsche. Verschämt nickte er auf die Frage des Sat.1-Moderators, ob das sein letztes Spiel auf der Bank von Inter Mailand gewesen sei. Es wirkte so, als ob der Betrüger den Betrogenen nicht in die Augen blicken konnte.

Mourinhos letzter Auftritt – ein letzter Affront

Später, in den Katakomben des Bernabeu-Stadions, setzte sich Mourinho in den Fond einer schwarzen Limousine. Der Wagen fuhr an, hielt aber nach ein paar Metern wieder. Der Trainer stieg aus und lief zu seinem Spieler Marco Materazzi, der melancholisch vor dem Mannschaftsbus an einer Mauer lehnte und auf die Abfahrt wartete. Mourinho fiel Materazzi um den Hals, wieder zuckte sein Oberkörper unter Weinkrämpfen. Erst klopfte der große Abwehrspieler mit den reichlich tätowierten Unterarmen seinem Trainer auf die Schultern. Dann kamen auch ihm die Tränen. Es ist das letzte Bild, das viele in Italien von Mourinho in Erinnerung haben.

In der Mailänder »Gazzetta dello Sport« wurde die theaterreife Abschiedsszene in der Folgezeit rauf und runter analysiert. Am Ende waren dem Autor aber nicht die vergossenen Männertränen wichtig, sondern die Tatsache, dass es sich bei der Limousine, in der der Coach davonfuhr, um einen Dienstwagen von Real Madrid handelte. Ein Abgang an Bord der Konkurrenz. »Das ist wie der Abschied vom alten Partner in Begleitung des neuen«, schrieb der stellvertretende Chefredakteur Franco Arturi beleidigt. José Mourinhos letzter Auftritt nach zwei Jahren Mailand wird als sein letzter Affront in Erinnerung bleiben.



Aus Heft#104 07/2010

Fußball&Pop - Eine seltsame Beziehung


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Kommentare

  • User
  • 05.08.2010 21:15:49 maradonna10

    das hitzlberger interview und dieser artikel sind wirklich sehr gut gelungen...
    über mourinho zu lesen macht echt spaß, der ist ein absoluter freak... seine mannschaften gehn für ihn die entscheidenden meter mehr ... dafür kämpft er für sie gegen die "böse" presse wie eine aufopferungsvolle löwenmama...

  • User
  • 11.08.2010 11:19:40 Bergkamp83

    Sehr guter Artikel. Eine Perle von einem Artikel.
    Weiter so! Und mehr davon!

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