Zum Tode von Francisco Varallo
Die kleine Kanone
Text: Christian Lawendel Bild: Imago
Francisco Antonio Varallo war der letzte Überlebende des WM-Finals von 1930 in Uruguay. Im Februar feierte er noch seinen 100. Geburtstag. Am 30.August 2010 verstarb er in La Plata. Argentinien trauert um einen Helden.
Francisco Antonio Varallo
geboren 05. Februar 1910
gestorben 30. August 2010
Er muss sich allein gefühlt haben, der letzte noch lebende Teilnehmer der WM 1930 in Uruguay. Seine damaligen Kollegen leben schon alle nicht mehr. 80 Jahre waren seit der ersten Endrunde vergangen. Uruguay wurde Weltmeister, Argentinien Zweiter. Francisco Varallo stand damals auf argentinischer Seite auf dem Platz, als 20jähriger.
Im Februar 2010 feierte er seinen 100. Geburtstag. Natürlich war auf den Feierlichkeiten das erste Endspiel ein bestimmendes Thema - genau wie im Leben von Varallo. Diese Niederlage der Argentinier gegen Uruguay schmerzte und beschäftige ihn. »Niemals in meinem Leben fühlte ich einen bittereren Schmerz als den nach dem gegen Uruguay verlorenen WM-Endspiel. Bis heute bin ich nicht darüber hinweg gekommen.«
»Beim Gedanken daran werde ich noch heute wütend...«
Auf Grund einer Verletzung war sein Einsatz fraglich und erst am Morgen der Partie meldete er sich fit, wollte unbedingt spielen. Die Chance auf die Teilnahme am Finale war Motivation genug. Trotz des Risikos mit einem verletzten Spieler zu beginnen, den man nicht auswechseln konnte, entschied sich der damalige argentinische Trainer Juan Tramutola für den Einsatz Varallos. Zur Halbzeit führten die Argentinier mit 2:1 und mussten sich doch am Ende mit 4:2 geschlagen geben. »Wir ließen nach, das ist wohl die ganze Wahrheit. Ich fühlte plötzlich die Verletzung, nachdem ich erst kurz zuvor einen Schuss an die Latte gesetzt hatte, die die Angelegenheit für uns hätte entscheiden können. Ich konnte kaum mehr laufen! Sie erhöhten den Druck und wir - mit allem Respekt gegenüber meinen Kameraden - verloren den Mut. Wie habe ich an diesem Tag geweint! Beim Gedanken daran werde ich noch heute wütend...«
Sein großer Moment sollte für Varallo in der Nationalmannschaft aber noch kommen. 1937 gewannen die Albiceleste mit ihm in einem hektischen Endspiel gegen Brasilien die Südamerikameisterschaft. 16 mal trug er das argentinische Trikot. Ob seiner Treffsicherheit liebten ihn nicht nur die Fans der Nationalmannschaft, sondern auch die Anhänger von Boca Juniors, des Vereins, für den Varallo über 180 mal traf.
Nach dem Karriereende zum Kiosk
»Cañoncito«, die »kleine Kanone«, gewann 1931, 1934 und 1935 mit Boca die Meisterschaft. Der Stürmer fiel dem Verein aus Buenos Aires im Finale der Meisterschaft 1929 gegen seinen damaligen Klub Gimnasia y Esgrima auf. Boca verlor das Finale auch wegen des treffsicheren Angreifers. Für eine hohe Ablösesumme wechselte Varallo in die Hauptstadt, gerade in der Zeit, als sich die argentinische Meisterschaft professionalisierte. Mit 29 zwang ihn einen Knieverletzung zum Karriereende. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Sportlehrer, Vertreter einer Likörfirma und Kioskbesitzer. Doch bekannt machten ihn seine Tore.
»Cañoncito« wurde zum Toptorjäger der Boca Juniors. Erst 2009 war ihm dieser Titel von Martín Palermo abgenommen worden. Auch wenn er sich immer über Tore für Boca freute, hatten diese eine faden Beigeschmack. »Ob es mich stört, dass er mich übertroffen hat? Ja, ein bisschen. Kennt irgendeiner einen Torjäger, dem es gefällt, wenn man seine Rekorde bricht? Ich liebe es, wenn Palermo Tore erzielt, denn er ist ein fantastischer Junge, aber ich finde es überhaupt nicht lustig, dass er mir diese Marke genommen hat.« Einer der letzten Wünsche Varallos war es, einen Urenkel zu haben, der selber Rekordtorjäger werden soll. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt.





