Vier Jahre nach dem Seria A-Skandal
Das System Moggi
Text: Alex Raack Bild: Imago
Vor vier Jahren schickten die Richter des italienischen Fußball-Verbandes drei Teams der Seria A in die zweite Liga. Luciano Moggi, der Drahtzieher des Manipulationsskandals, hat bereits sein Comeback angekündigt.
Wer Luciano Moggi verstehen will, der braucht gute Nerven. Und Geduld. Als die Unterlagen der Ermittler im Zuge des italienischen Manipulationsskandals der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden, glaubten nicht wenige Zeitungen an einen Tippfehler. In einem Zeitraum von neun Monaten hatten die Behörden sagenhafte 100.000 Telefonate des Managers von Juventus Turin gezählt. 100.000 Telefonate. Das sind 416 Anrufe pro 16-Stunden-Tag. Alle zweieinhalb Minuten klingelte eines der sechs Telefone des Mannes, der mit seinen Machenschaften die einst ruhmreichste Fußball-Liga der Welt im Sommer 2006 fast ins Verderben manövriert hätte.
Am 14. Juli 2006, wenige Tage nachdem in Berlin Italiens Kapitän Fabio Cannavaro den WM-Pokal in die Höhe gestemmt hatte, urteilte das Gericht des italienisches Fußball-Verbandes über Luciano Moggi und seinen Rattenschwanz an Vereinen, Schiedsrichtern, Spielern, Funktionären und Journalisten. Juventus Turin, der AC Florenz und Lazio Rom wurden in die zweite Liga verbannt, der AC Mailand kam mit 15 Punkten Abzug davon. Moggi selbst wurde zu 50.000 Euro Geldstrafe und fünf Jahren Berufsverbot verdonnert. Eine milde Strafe, bedenkt man, dass der Mann mit den vielen Mobiltelefonen das einst stolze Fußball-Land der Lächerlichkeit Preis gegeben hatte. Jetzt sind die fünf Jahre bald vorbei und Moggi sagt: »Meine Sperre läuft nächstes Jahr ab und ich will mich wieder an die Arbeit machen.«
Ein italienisches System
An die Arbeit machen. Nachdem vor vier Jahren die italienische Bombe platzte, tauchten plötzliche viele Fragen auf, wie die Arbeit von Luciano Moggi in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt ausgesehen hatte. Und endlich gab es Antworten. Wenn auch nicht genügend, um das System des einst bekanntesten Fußball-Managers Italiens wirklich zu verstehen. Das System Moggi ist vor allem: Ein italienisches System. Das macht es nicht gerade leicht.
Moggi, 1937 in der Toskana geboren, begann seine außergewöhnliche Karriere als einfacher Bahnangestellter. Mit 13 hatte er die Schule verlassen, mit Mitte 20 den ersten wichtigen Kontakt seines Lebens geknüpft. Ein befreundeter Bäcker verdingte sich nebenbei als Talentscout für regionale Fußballvereine und Moggi zeigte schnell beeindruckende Fähigkeiten anständige Fußballer ausfindig zu machen. Wenige Jahre später verdiente er sein Geld als selbstständiger Scout und bediente gar den Branchenprimus Juventus Turin mit fähigen Fußballern. Eine Randnotiz zeigt das Fundament im System Moggi: Angekommen in der Welt des großen Fußballs engagierte der Nachwuchsmanager den Bäcker, der ihm einst zu ersten Aufträgen verholfen hatte, als seinen Assistenten. Eine Hand wäscht die andere. Oder wie der Engländer sagt: »What goes round, comes round.«
Bevor er 1984 beim SSC Neapel anheuerte, hatte sich Moggi bereits längst einen Namen gemacht in Italiens Spitzenfußball. Kein wichtiger Mensch, der nicht die Nummer des überaus talentierten Gesellschafters aus der Toskana kannte. Im Neapel Maradonas feierte Moggi die ersten Titel, musste allerdings auch mit ansehen, wie man dem von Drogen aufgedunsenen Zauberer aus Argentinien bei Dopingkontrollen einen falschen Penis mit Fremdurin umschnallte, um ihn vor einer Sperre zu bewahren. Im Sommer 1994 erwartete ein neuer Klub die Dienste des Eisenbahners, Spielervermittlers und Vereinsmanagers Luciano Moggi: Juventus Turin.
»Haben sie seine verdammten Oberschenkel gesehen!«
Was genau in den neunziger Jahren bei Juve passierte, ist bis heute nicht geklärt. Aber das etwas passierte, wusste eigentlich jeder. »Haben sie seine verdammten Oberschenkel gesehen?«, fragte im November 1995 ein sichtlich aufgebrachter Walter Smith die anwesenden Journalisten. Seine Mannschaft, die Glasgow Rangers, waren soeben mit 0:4 aus dem Ibrox Park geschossen worden. Und zwar von einer Auswahl talentierter Muskelberge. Die Körper der vom Naturel eher schmächtigen Gianluca Vialli, Alessandro del Piero und Co. waren in kürzester Zeit erstaunlich schnell auf die Ausmaße der Leiber austrainierter Preisboxer angewachsen – nicht nur Smith witterte gezieltes Doping beim italienischen Vorzeigeverein. 1998 ging Roma-Coach Zdenek Zeman mit dem inoffiziell längst geäußerten Vorwurf an die Öffentlichkeit, Juve-Spieler seien mit verbotenen Substanzen aufgepäppelt worden. Bis heute ist keiner der prominenten Angeklagten um Weltfußballer Zinedine Zidane wegen Dopings verurteilt worden. Und auch Juves Macher Moggi überstand jahrelang alle Vorwürfe und wütende Proteste der Konkurrenz mit erstaunlicher Gelassenheit. Dem Journalisten Marco Travaglio hat es Moggi zu verdanken, dass er bald mit einem überaus passenden Spitznamen bedacht wurde: »Lucky Luciano.« Kein Zufall, dass einst ein bekannter Mafia-Boss den gleichen Namen zur Schau trug.





