Italiens »Enfant terrible« Antonio Cassano
Rosen in San Remo
Text: Mark Tofall Bild: Imago
Er galt als größtes italienisches Talent seit Roberto Baggio. Mit einem Jahrhunderttor schoss er sich in den Olymp, aber sein schwieriger Charakter und seine Eskapaden sorgten für einen tiefen Fall. Jetzt ist Antonio Cassano wieder da.
Antonio Cassano galt mal als das größte Versprechen im italienischen Fußball, bis er sich selbst aus dem Rampenlicht spielte. Längst hat sich das Sorgenkind zurück in die Herzen der Tifosi gespielt und vor allem geredet. Doch Nationalcoach Marcello Lippi lässt das kalt. Ganz Italien wartet vergebens auf seine Rückkehr in die Squadra Azzura. Kein Wunder, denn Antonio Cassano ist mehr als nur ein herausragender Stürmer. Er ist der Fußballer gewordene Beweis dafür, dass Genie und Wahnsinn derselben Wurzel entstammen.
Man stelle sich vor, Klaus Kinski wäre nicht Schauspieler geworden, sondern Fußballer. Wie dieser Fußball-Kinski wohl auf eine Gelbe Karte reagieren würde? Vielleicht würde er einen Tobsuchtsanfall kriegen, sein Trikot über den Kopf ziehen, sich in den Stoff verbeißen. Sich auf den Boden werfen, mit den Fäusten auf den unschuldigen Rasen trommeln, wieder aufstehen und anfangen zu heulen. Den Schiedsrichter bedrohen, um schließlich von Gegnern und Mitspielern wieder zur Raison gebracht zu werden. So zumindest reagierte Antonio Cassano, seines Zeichens einst Italiens größtes Fußball-Versprechen, während eines ganz normalen Ligaspiels – und das nicht nur einmal. Selbst in Italien, ein Land der liebevoll gepflegten Flüche und nonverbaler Gestik ist Cassano ob seiner Aussetzer eine absolute Ausnahme.
Und doch (oder gerade deshalb?): es gibt es nur wenige Spieler, die so hoch in der Gunst der Tifosi stehen. Das hat seine Gründe. „Enfant terrible“, schreckliches Kind, nennen die Franzosen solche Typen und man muss Italien nicht besonders kennen, um zu wissen, dass Kinder und Familie dort eine ganz besondere Rolle spielen. Antonio Cassano, inzwischen 27, ist für die meisten seiner Landsleute noch immer der kleine Junge aus dem Armenviertel von Bari. Ein Straßenkind, das ohne ein stabiles familiäres Umfeld aufwuchs und der eigentlich nur eine Sache gut konnte: Fußball spielen. Überall, zu jeder Zeit.
Am 18. Dezember 1999 spielt Cassano zum zweiten Mal für den AS Bari in der Serie A. Der 17-Jährige gilt schon vor dem Spiel als großes Talent, aber was er in diesem Spiel in der 88. Minute gegen Inter Mailand zeigt, macht ihn zum gefragtesten Nachwuchsfußballer Italiens. Als ein 50-Meter-Pass aus der eigenen Hälfte in seine Richtung segelt, nimmt Cassano den Ball im vollen Lauf volley mit der Hacke an, legt sich das Spielgerät selbst mit Kopf auf, spielt im Strafraum kurzerhand das Weltklasseverteidiger-Duo Panucci/Laurant Blanc aus und netzt dann souverän links unten zum 2:1-Endstand ein. Ein Jahrhunderttor. Über Nacht ist aus der großmäuligen Rotznase ein berühmter Nachwuchsstar geworden.
Fußball. Immer. Überall. Zu jeder Zeit.
Auf die Frage, wie dieser Moment sein Leben verändert habe, sagt Cassano später: »Bevor ich berühmt wurde, bin ich in der Schule sechsmal sitzen geblieben und keine Frau beachtete mich. Danach ließ man mich sofort bestehen und ich war plötzlich Brad Pitt.« Dass sich der neu gewonnene Starrummel jedoch alles andere als unterstützend auf seinen Reifeprozess auswirkte, lässt sich an den zahlreichen Eskapaden erkennen, die sich Cassano in der Folgezeit leistet: Er beschimpft Trainer, bespuckt Gegenspieler und prahlt in der Presse damit, wie viele Frauen er pro Woche flach legen würde. 2001, nach zwei durchschnittlichen Spielzeiten, transferiert man ihn für unglaubliche 30 Millionen Euro zum AS Rom, um an der Seite seines Vorbilds Francesco Totti zu spielen.
Auch in der ewigen Stadt fällt der 19 Jahre alte Hitzkopf zunächst nur durch Skandale auf. Seine ständigen Ausraster und Platzverweise paaren sich mit einer schlampigen Trainingseinstellung und einem ausschweifenden Privat- und Nachtleben. Roma-Coach Fabio Capello lässt sich spontan zu einer Wortneuschöpfung inspirieren: Die »Cassanata« (Cassan-ismus), Bezeichnung für die oft mannschaftsschädigenden Fisimatenten des Jungen aus Bari, geht in den italienischen Fußballwortschatz ein. Und doch ist es eben der so farblos wirkende Capello, der mit ewiger Geduld aus dem schlurigen Talent nach und nach einen Top-Fußballer formt.
In der dritten Saison bedankt der sich mit 14 Ligatoren und zahlreichen Torvorlagen. Ein ganz besonderes Geschenk macht er seinem Trainer-Vater im Klassiker gegen Juventus Turin im Februar 2004. Vor dem Spiel verspricht ihm Cassano freimütig, im Falle eines Tores die Eckfahne durchzutreten. Er holt einen Elfmeter raus, schießt zwei Tore und säbelt die Stange mit seinem Schuh so sauber in der Mitte durch, dass es Minuten dauert, bis Ersatz gefunden ist.






