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09.02.2011

Gianni Rivera über das WM-Halbfinale 1970

»Alles hat sich verändert«

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Gianni Rivera war der »Golden Boy« Italiens und stand bei der WM 1970 im legendären Halbfinale gegen Deutschland. Ein Gespräch über rasselnde Lungen, italienische Tugenden und Parallelen zwischen Fußball und Politik.

Gianni Rivera über das WM-Halbfinale 1970 - »Alles hat sich verändert«


Gianni Rivera, das Halbfinale der WM 1970 zwischen Deutschland und Italien wird von vielen als das beste Spiel aller Zeiten bezeichnet. Sehen Sie das als einer der Hauptdarsteller genauso?

Dass dieses Spiel mal zur Legende werden würde, war uns auf dem Platz nicht bewusst. Eigentlich haben wir erst bei unserer Rückkehr nach Italien realisiert, welche Wirkung es auf die Zuschauer gehabt haben muss. In technischer Hinsicht war es meiner Meinung nach nicht mal besonders berauschend.

Die Bedingungen in Mexico City müssen unmenschlich gewesen sein.

Es war heiß, denn wir spielten schon um 15 Uhr, damit die Partien in Europa nicht allzu spät übertragen wurden. Doch das eigentliche Problem war die Höhe. Ich selbst war noch ganz gut beieinander, da ich erst nach 45 Minuten eingewechselt wurde. Doch insbesondere die Raucher in unserer Mannschaft hatten richtig zu kämpfen. Es war ein Konzert der rasselnden Lungen!

Wenn man sich heute Spiele aus der damaligen Zeit ansieht, so kommen sie einem elegant, aber verblüffend langsam vor.

Natürlich ist der heutige Fußball körperbetonter. Daran ist zunächst mal nichts auszusetzen, solange die Menschen weiter ins Stadion gehen. Ich persönlich bevorzuge allerdings den eleganten, beinahe körperlosen Fußball, der mehr fürs Auge bietet.

36 Jahre später standen sich Deutschland und Italien erneut in einem WM-Halbfinale gegenüber. Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede zwischen den Spielen 1970 und 2006?

Es gibt keine Gemeinsamkeiten. Alles hat sich verändert: das Spiel, das Denken, das Verhalten. So wie wir uns ja auch geändert haben.

Italiens Trainer Marcello Lippi zog aus den Fehlern seines argentinischen Kollegen José Pekerman im Viertelfinale gegen Deutschland die richtigen Schlüsse und wechselte offensiv statt defensiv aus. Hat Sie das überrascht?

Nein. Es ist nun mal die Aufgabe des Trainers, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Wenn er gewinnt, hat er recht gehabt. Wenn nicht: Pech gehabt.

Über das ganze Turnier gesehen, stand Italien jedoch für eine defensive Spielweise. Und wurde dafür von vielen respektiert, aber von den wenigsten geliebt.


Jeder spielt gemäß seiner über Jahrzehnte gewachsenen Spielkultur – und die ist in Italien nun einmal defensiv. Natürlich ist es schön anzusehen, wenn eine Mannschaft nach vorne spielt, aber es hat auch keinen Sinn, ins Verderben zu rennen. Nehmen wir nur das Spiel zwischen Brasilien und Italien bei der WM 1982. Hätten die Brasilianer sich nur ein wenig defensiver verhalten, wäre das Spiel wahrscheinlich unentschieden ausgegangen – es hätte ihnen zum Weiterkommen gereicht. Aber sie mussten ja unbedingt in ihrer ach so bewunderten Art nach vorne stürmen. Das hat Italien eiskalt ausgenutzt und mit 3:2 gewonnen. Und wer ist am Ende Weltmeister geworden?


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