Zum Stadionboykott beim Revierderby
»Macht euer Gut nicht kaputt!«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Zahlreiche BVB-Fans werden am 4. Spieltag das Derby auf Schalke boykottieren. Grund sind die stetig steigenden Ticketpreise. Wir sprachen mit den Initiatoren Marc Quambusch (Borussen Sailors) und Daniel Lörcher (The Unity).
Daniel und Marc, ihr protestiert am 4. Spieltag unter dem Motto »Kein Zwanni für 'nen Steher« gegen die horrenden Eintrittspreise beim Revierderby. Ist die Vorstellung, dass Live-Fußball für alle Schichten da ist, heutzutage nicht eine sehr romantische?
Marc: Romantisch wäre die Forderung nach einem Fußball ohne jeden Kommerz. Darum geht es bei unserem Protest aber nicht. Wir wollen vielmehr zeigen, dass es wichtig ist, ein Gleichgewicht zu halten.
Daniel: Die anderen großen europäischen Ligen – die Serie A, die Primera Division und die Premier League – sollten uns und allen Entscheidern jedenfalls Warnung genug sein. Das Gleichgewicht ist in diesen Ligen längst abhanden gekommen. Da wachsen die Schuldenberge, während maximal drei oder vier Teams die Meisterschaft ausspielen. Der Reiz der Bundesliga machen doch gerade die Ausgeglichenheit der Teams, die vollen Stadien und die Diversität der Fanstruktur aus.
Der Preistrend geht in Deutschland aber unmissverständlich in eine Richtung, die auch Englands Fanstruktur massiv beeinflusst hat.
Marc: Das ist schlimm, denn die Vereine und auch der Fußball sind darauf angewiesen, dass sich junge Leute den Sport leisten können. Die Stimmung in den Stadien kommt ja nicht von ungefähr. Das abschreckende Beispiel ist tatsächlich England: Dort überaltert die Fanstruktur. Und eines ist gewiss: Ein 20-Jähriger, der nicht zum Fußball geht, wird nicht mit 40 Jahren sagen: »Jetzt habe ich wieder Geld und gehe hin.«
Daniel: Es ist ja mittlerweile auch so, dass die Engländer neidisch zu uns schauen, weil sie hier gute Stimmung erleben und Spiele zu vergleichsweise moderaten Preisen besuchen können. Die DFL sagte kürzlich zurecht, dass man in Deutschland – verglichen mit den anderen Top-4-Ligen – die niedrigsten Ticketpreise hat. Und das ist immer noch so, trotz der Tatsache, dass es eine Preissteigerung von etwa 50 Prozent seit dem Jahr 2000 gegeben hat. Doch das wird auch nur so bleiben, wenn man jetzt sagt: Wir müssen den Wahnsinn, der in anderen Ländern stattfindet, nicht um jeden Preis mitgehen.
Einige Leute bemängeln nun den regionalen Faktor des Boykotts und sehen die Aktion letztlich doch nur als Affront gegen den FC Schalke 04. Ist der Zeitpunkt unglücklich?
Marc: Der Protest war ja keine strategische Entscheidung. Zunächst war er eine lose Idee. Viele Mitglieder von Fanklubs sagten von Anfang an, dass sie die Karten zu den Preisen erst gar nicht nehmen wollten. Wir fragten dann beim BVB an, ob wir die Tickets zurückgeben könnten und bekamen eine positive Antwort vom Verein. Die Idee wurde sodann immer greifbarer und schließlich umgesetzt.
Daniel: Der Zeitpunkt ist eigentlich perfekt, denn das Spiel gegen Schalke generiert die meiste Aufmerksamkeit – und letztendlich ist es für uns das größte Opfer der Saison. Sich diesem Spiel zu verweigern, ist ein anderes Zeichen, als wenn man ein Spiel in Wolfsburg oder Freiburg boykottieren würde.
Marc: Es geht auch nicht darum, mit Finger nach Gelsenkirchen zu zeigen. Wir wollen vielmehr pointiert auf Sachen hinweisen. Und vornehmlich sagen: Macht euer wertvollstes Gut nicht kaputt! Wir hoffen inständig, dass sich Vereine anschließen. Nicht an diesem Spieltag, aber generell.
Gibt es bezüglich der Preispolitik einen Dialog zwischen Fansprecher und Verein? Im Sinne von: Wie viel kann der Fan noch ertragen?
Marc: Es gibt keine Diskussion. Die Preise werden gesetzt, der Fan hat sie hinzunehmen. Gerade im letzten Jahr hat auch der BVB seine Preise sehr stark angehoben, vor allem im Sitzplatzsegment. Jetzt haben wir erstmals die Situation öffentlich geschildert und sind durchaus auf offene Ohren gestoßen.
Ihr würdet bei weiteren Preisanstiegen demnach auch Spiele im Westfalenstadion boykottieren?
Daniel: Durchaus. Aktuell sind die Preise trotz des Anstiegs noch akzeptabel. Und dennoch bekomme ich Tränen in den Augen, wenn ich alte Tickets hervorkrame. Letztens hatte ich meine Dauerkarte von 2003 in der Hand – damals bezahlte ich 130 Euro, heute sind es 185 Euro.
Besteht nicht auch die Gefahr, dass sich durch einen solchen Protest der verdiente Fan aus dem Stadion drängen lässt?
Daniel: Natürlich, im schlimmsten Fall ist das Stadion rappelvoll und alle zeigen mit dem Finger auf uns und sagen: »Ihr habt das Spiel des Jahres verpasst!« Andererseits glaube an einen Erfolg, weil über 200 Fanklubs unterschrieben haben. Es gab noch nie eine so einhellige Meinung zu einem vergleichbaren Thema. Und wir werden mit Sicherheit nicht nach dem Derby aufhören und uns zufrieden zurücklehnen.
Marc: Und letztendlich wird unser Block auch anders aussehen als sonst. Natürlich werden Leute dort sein, vermutlich auch mit gelb-schwarzen Schals, aber den Unterschied zu dem üblichen BVB-Support wird jeder sehen und hören.
Wo werdet ihr das Derby schauen?
Daniel: Wo, steht noch nicht fest. Sicher ist, dass wir irgendwo gemeinsam gucken. Auch um den Protest verbildlichen zu können. Wie viele Leute an dem Boykott teilnehmen, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich hatte vor ein paar Tagen mal mit 4000 oder 5000 gerechnet. Da hatten wir aber erst 60 Fanklubs auf der Unterstützerliste.
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Stell' dir vor, es ist Derby und keiner geht hin!
Weitere Infos und Unterstützerliste: gelbe-wand.de
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