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30.12.2010

Rapper Marteria über sein Leben mit Hansa Rostock

»Die Gedankenwelt ist rund«

Text: Andreas Bock und Benjamin Kuhlhoff  Bild: Imago

Einst stand Marten Laciny vor der großen Fußballkarriere. Heute macht er als »Marteria« Musik und veröffentlichte jüngst sein Album »Zum Glück in die Zukunft«. Wir sprachen mit ihm über Hansa Rostock und Kult im Fußball.

Rapper Marteria über sein Leben mit Hansa Rostock  - »Die Gedankenwelt ist rund«


Marten Laciny, vor zehn Jahren galtest du als eines der größten Talente des FC Hansa Rostock und standest im Kader der U17-Mannschaft von Horst Hrubesch. Vor dir lag eine Profikarriere. Was ist passiert?

Marteria: Wenige Wochen vor meinem 18. Geburtstag bekam mein Leben durch einen Zufall eine komplett andere Richtung. Ich besuchte damals meine Schwester in New York, die dort als Au-Pair-Mädchen arbeitete. Ich war gerade mal fünf Minuten in der Stadt, als mich auf der Straße ein Scout ansprach und fragte, ob ich nicht Model werden wollte. Ich war zwar verdutzt, doch auch angefixt von der Idee. Ich hatte bis dahin in Rostock-Lichtenhagen gelebt, und nun lockte die große Metropole. Ich sagte zu.



Wie reagierte der Verein?

Marteria: Das war ein kleines Drama. Zunächst diskutierte ich das Vorhaben mit meiner Mama, stundenlang, es flossen einige Tränen. Danach ging es zum Verein, wo die Diskussion nicht abbrach. Das waren harte Stunden, aber  letztendlich lösten wir den Vertrag auf.

Hattest du keine Zweifel?

Marteria: Ich hatte mit 13 Jahren mal ein Angebot von RCD Mallorca, gegen die wir während eines Trainingslagers mit 3:6 verloren. Ich schoss damals alle drei Tore und die Spanier kamen sofort nach dem Spiel auf mich zu und versuchten, mich zu einem Wechsel zu überreden. Ich wollte aber Rostock, den Verein, meine Freunde, meine Familie nicht verlassen. Also sagte ich ab. Dieses Mal war es aber anders. Ich hatte ein paar Jahre zuvor die Musik entdeckt, dann kamen die Partys, Mädchen, das normale Programm einer normalen Jugend. Für mich war es dennoch, als hätte ich eine andere Welt kennengelernt. Und dann New York – das Mekka des HipHop. Das Mekka von allem.

Wie hast du damals vor deinem Trainer und deinen Eltern argumentiert?

Marteria: Ich sah das eigentlich recht rational. Ich fragte vor allem mich: Kannst du es denn wirklich schaffen mit dem Fußball? Und was passiert überhaupt, wenn dir plötzlich das Kreuzband reißt?

Wie denkst du heute?

Marteria: Ich habe viele Jahre Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Und ganz ehrlich: Es war die schlimmste Entscheidung meines Lebens. Zumal ich recht schnell merkte, dass dieses Modelgeschäft nichts für mich ist. Doch ich glaube auch, nein, ich bin sogar ziemlich sicher, dass ich damals im Fußballverein eine gewisse Unzufriedenheit spürte. Etwa darüber, dass der Leistungsdruck immer größer wurde. Du musstest einfach immer abliefern. Egal, wie es in dir aussah, du warst verdammt, zu funktionieren.

Hansa kopierte zu der Zeit auch das Nachwuchskonzept von Ajax Amsterdam.

Marteria: Und das hieß, dass es alle paar Monate Leistungstest gab. Wer die nicht schaffte, flog raus oder wurde degradiert. Ausreden wie »Ich hatte einen schlechten Tag« galten nicht. Außerdem gefiel mir dieses Verharren nicht mehr. Du konntest nicht ausscheren, jeden Tag spultest du die immergleichen Routinen ab.

Du wolltest selber die Welt entdecken?

Marteria: So ungefähr. Es ist ja tatsächlich so, dass sich schon im professionalisierten Nachwuchsbereich alles nur um dieses Thema dreht: Fußball. Zunächst war das super, denn Fußball war ja mein liebstes Hobby. Doch da war stets auch etwas anderes. Ich wollte mit den Internatsleuten jedenfalls nicht jeden Tag über die Bundesliga sprechen oder das letzte Anstoß-Computerduell. Als ich zum ersten Mal Geld zusammengespart hatte, ging ich in den Plattenladen und kaufte mir für 1500 Mark Vinylscheiben – Run DMC, Public Enemy oder die Beastie Boys.

Dabei gibt es auch Fußballer, die sich für Literatur oder Musik interessieren.

Marteria: Aber es sind Ausnahmen. Und gerade deswegen werden in der Presse Spieler wie Thomas Broich so gerne als die »anderen Profis« dargestellt, weil sie mal drei Bücher gelesen haben. Doch eigentlich besteht das fußballferne Leben eines Profis aus all den Klischees, aus Dingen, die mir irgendwann zuwider waren: Ich wollte nicht mit überdimensionierten Autos und dicken Felgen in die Großraumdiskothek fahren, ich wollte auch keinen Berater und ich wollte nicht im Spotlight in Sporthallen einlaufen. Das war mir zu abgehoben. Doch ich mache ja auch niemandem einen Vorwurf, denn als Profi hat man im Grunde keine andere Wahl.

Weil ihm ab der Jugend sein komplettes Leben abgenommen wird.

Marteria: Die Wäsche wird dir gewaschen, die Schuhe werden dir geputzt, die Wohnung wird dir gesucht. Du kommst gar nicht an den Punkt, an dem du dich für einen eigenen Weg entscheiden kannst. Und so wird dir auch deine Gedankenwelt vorgegeben. Es ist eine sehr runde Gedankenwelt.

Wie sah denn deine Gedankenwelt aus, als du jünger warst?

Marteria: Da fand ich das alles natürlich wahnsinnig aufregend und cool. Meine Helden fuhren auch im dicken Mercedes auf den Klub-Parkplatz. Daniel Hoffmann zum Beispiel. Oder Jens Dowe und Hilmar Weilandt. Krasse Fußballer. Die Stars meiner Jugend.


weiterlesen [1] [2] [3]



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News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: FC Hansa Rostock






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Kommentare

  • User
  • 02.09.2010 13:37:41 rumpler

    Hey! Dann mal alles Gute für deine krass coole voll fette Hiphop-Karriere! Und Grüße an Deine Mudda!

  • User
  • 02.09.2010 13:42:13 JacqueBubu

    Nur dass die Eintracht damals 5:1 gegen K'lautern gewonnen hat und nicht 5:0 gegen Nürnberg

  • User
  • 02.09.2010 13:52:44 GTEvo

    Ahhhaahhhh..
    PeterFox in Schön!

    Wer hat den entdeckt, FrankFahrian^^

  • User
  • 02.09.2010 14:09:49 vodooman

    tolles interview mit grossartigem musiker...

    könnt ihr vllt auch mal ein interviw mit dem frankfurter rapper vega machen der is immerhin der einzige bekanntere rapper der ultra ist

  • User
  • 02.09.2010 14:12:23 rumpler

    genau.

    gönnt uns mehr räppa-intaviews!

  • User
  • 02.09.2010 14:14:39 saloth sar

    rapper und ultra? das wird hier sicher mordsmaessig gut ankommen

  • User
  • 02.09.2010 14:16:14 Orangeat und Sukkade

    Sympathisches Interview, muss ich sagen, von und mit einem Menschen, der mir nichts sagt. Besonders gefällt mir die Angst vor der Profi-Attitüde. Ich warte ja immer noch auf den (Nationalmannschafts-)spieler, der sich, nachdem er zum Spielball der bösen Spielerberater-Gesellschaft geworden ist, eine einjährige Auszeit beim KSV Baunatal oder TuRu Düsseldorf gönnt. Einfach um aufzuzeigen, dass da hin und wieder was schiefläuft.

    Ansonsten: Lehmanns legendären Kopfballtreffer habe ich damals auch im verschlüsselten Premiere-Programm gesehen. Und wenn ich daran denke, sehe ich ihn immer noch in der vergrisselten Optik im Dortmunder Strafraum hochsteigen. Außerdem war Premiere früher manchmal sehr schlusig und verschlüsselte das Programm erst nach ein paar Minuten, ich glaube, der Rekord lag bei 12 Minuten. Was lagen wir uns damals in den Armen...

    Das Abstiegsdrama '99 damals stilecht mitbekommen, während ich mir ein paar Mark beim Autoputzen des Nachbarns dazuverdiente, ertönte aus dem Wageninneren NDR 2. Krass-fette Erinnerung. Apropos: Wann soll das eigentlich mit spieleunsereslebens nochmal losgehen?

  • User
  • 02.09.2010 14:22:16 vodooman

    gerade deswegen fänd ich das ja interessant weil das ist ja eine andere sicht auf den fussball als die meisten 11 freunde leser haben

  • User
  • 02.09.2010 14:23:57 FrauBlack

    hat meiner mutter auch

  • User
  • 02.09.2010 14:24:18 rumpler

    Mir gefällt besonders seine unkultige Art.

  • User
  • 02.09.2010 14:24:30 vodooman

    Link

    nur noch mal zum thema nazis und marteria ....

  • User
  • 02.09.2010 15:16:53 Hoss

    Ich glaube ja voodooman ist dieser ... wie heisst er ... scroll ... marteria und macht hier seine PR :)

  • User
  • 02.09.2010 15:41:18 rumpler

    Das wär ja endkrass und überhaupt kein cooler Move!

  • User
  • 02.09.2010 16:31:21 atokruse

    Dumpfbacken und Kackbratzen denken also folgendes:
    Eigentlich dürfen nur Fußballer über Fußball reden, also die wo noch spielen tun. Musiker eher nicht so. Und wenn schon, dann müssen sie erdigen Rock machen. Von Hand und so...
    Wieder was gelernt.

  • User
  • 02.09.2010 16:41:37 Kutte57

    http://www.0381-magazin.de/rostock/magazin/show/id /106

    Marteria und Kross Interview:

  • User
  • 02.09.2010 17:03:01 Hoss

  • User
  • 02.09.2010 17:28:16 Ridevan

    Meine Güte was soll denn das?
    Der Typ weiß wovon er redet, er war tatsächlich auf dem Weg zum Profi und hat sich anders entschieden. Ich finde interessant was er zu sagen hat und er hat mit Vielem sicher auch recht.

    Aber in der andersdenkenden, über den Tellerrand schauenden 11Freunde-Community wird nur gelesen dass er ein Hip Hopper ist und dann erstmal drüber hergezogen.

    Geht einfach wieder nächstes Wochenende in euren Block, brüllt stumpfsinnige Parolen und freut euch, dass ihr 11Freudne abonniert habt und zu den Intellektuellen gehört.

  • User
  • 02.09.2010 17:39:40 hagenpop

    Kenn ich noch aus meiner Altenpflegezeit: Alles ab Beatles ist Hotten-Totte-Musik.

    Ist tatsächlich seltsam, dass sich viele von HipHop-Attitüden so angefeindet fühlen. Gibt zwar viel Scheiße auf dem Markt, aber das hat ja eigentlich nichts mit dem Interview zu tun.

    Nettes Interview.

  • User
  • 02.09.2010 17:51:13 vodooman

    nein ich mach nicht die pr für marteria seine musik hat mich halt zurück zum hiphop gebracht....das is alles

  • User
  • 02.09.2010 17:59:55 atokruse

    "Kenn ich noch aus meiner Altenpflegezeit: Alles ab Beatles ist Hotten-Totte-Musik."

    Obacht hagenpop, hier unterschätzt du die Kollegen gewaltig! Für ein Interview mit Campino wären sie nämlich durchaus aufgeschlossen. Der bringt nämlich die nötige Fussi-Credibility mit.

    Und ja: wirklich gutes Interview! Interessante Fragen auch. Und ein Antwortender, der über sein Leben nachgedacht zu haben scheint. Selten, aber schön.

  • User
  • 02.09.2010 18:59:47 hagenpop

    Nix unterschätzen. Ich meinte eher: so nach dem Motto....

    Die "Erste-Stunde-Rocker" haben sich nämlich bis in die 90er Jahre viel gefallen lassen, erst mit dem HipHop kam so das absolute Langfristfeindbild.

  • User
  • 02.09.2010 19:00:25 hagenpop

    Also ich will jetzt auch niemandem vorwerfen sich hier als "Erste-Stunde-Rocker" profiliert haben zu wollen.

  • User
  • 02.09.2010 19:47:15 luebzer

    ...na das is aber ein schöner Artikel ! Der Junge spricht mir aus der Seele...es is viel schief gelaufen bei Hansa Rostock...nun nach dem tiefen Fall in der 3.Liga sind die Verantwortlichen aufgewacht und es wird wieder Fussball im Ostseestadion gespielt...die Fanszene hat sich wieder vereint und es werden jetzt NPD Anhänger nicht mehr ins Stadion gelassen! Tolle Aktion von den Fans...die Kogge ist wieder auf Kurs und ich kann mich wieder voll identifizieren mit meinem Verein FCH.

    ...und immer hart am Wind

    Ahoi Luebzer

  • User
  • 02.09.2010 23:48:13 crew166

    Die besten Jungs sind schon lange wech von Hansa

    Link

  • User
  • 03.09.2010 09:49:16 Andreas Blenke

    Ist doch egal, ob ich Hip-Hopper bin oder nicht. Hier spricht jemand, der was im Kopf hat. Das Interview von Jan Delay fanden alle gut, weil er so'n »krasser Typ« ist — das hier ist dagegen wirklich interessant. Guter Typ, gutes Interview.

  • User
  • 03.09.2010 11:28:35 rumpler

    Hey, easy folks!

    Letztlich geht's doch um die credibility in the hood, oder?

    also: peace!

    Man wird sich doch wohl noch über alles und jeden lustig machen dürfen, zumal wenn so ein Bübchen ernsthaft den Hiphop-Vinyl über die Prollkarre von nem Jungprofi stellt.

  • User
  • 04.09.2010 13:51:04 atokruse

    Na klaro, mein Gutster. Und letztlich ist uns doch allen klar, dass am Ende nur die Stromgitarre diese kaputte Welt zu retten vermag.

    Es heißt übrigens das Vinyl, aber: nothing for ungood!

  • User
  • 06.09.2010 16:53:51 rumpler

    Yo, brother, da vinyl!

  • User
  • 07.09.2010 14:24:34 Ganna

    Gibt's Hip-Hop eigentlich auch ohne THC?
    Ach… egal. Gefällt mir sowieso nicht.
    Alles ab Deep Purple ist Hotten-Totte!

    Wirklich: ein nettes Interview.
    Ist das wirklich so, dass die Leute durch eine solche „Gehirnwäsche“ gehen, wenn sie Profifußballer werden?

  • User
  • 07.09.2010 14:26:51 rumpler

    Nein, das ist nicht wirklich so.

  • User
  • 07.09.2010 18:48:57 Ganna

    Dann wird‘s wohl doch am THC liegen–

  • User
  • 30.12.2010 16:46:15 Würzburger

    Bin zwar kein Fan oder so, aber wer sich ernsthaft und unvoreingenommen seine Meinung gebildet hat weiß, dass 1. Deutsch-HipHop in weiten Teilen nichts mit Gangsta-Rap zu tun hat (s. Blumentopf, Samy Deluxe, Jonesmann etc.) und merkt 2. beim Hören von Marteria-Songs, dass er auch nicht zu letzteren mit ihrem ganzen Ghetto-Scheiß gehört.

    Klar, Stereotypen lassen sich leichter verkaufen. Deshalb muss der Rapper ein richtiger Gangster sein, der Hansa-Fan ein Nazi und der St.Pauli-Fan ein Punk.
    Könnte eine Antwort auf mehrere Posts hier sein, bezieht sich aber konkret auf die Blöd-Zeitung, die dieselben Schreiber aber sowas von ablehnen von wegen keine Qualität und so...

  • User
  • 30.12.2010 17:02:10 Würzburger

    Okay... der Einzige, der hier "hatet", ist Rumpler. Nur verzählt der so viel, dass man den Eindruck bekommt, das wäre hier eine verbreitete Einstellung. Bisher nicht.

  • User
  • 31.12.2010 11:50:11 Yvy

    "zumal wenn so ein Bübchen ernsthaft den Hiphop-Vinyl über die Prollkarre von nem Jungprofi stellt."

    der Mann hat im Gegensatz zu vielen (einschließlich mir selbst), den Mumm, eine Karriere einzuschlagen, die nicht den leichtesten Weg bedeutet und keine Absicherung bietet (solange man nicht Geld scheffelt, und wer weiß sowas schon vorher).

    Komischerweise sind die Beiträge irgendwelcher Rock- oder Teeniemusiker (Campino etc...) qualitativ eindeutig mehrere Stufen unter dem hier anzusiedeln.

    Zum Thema THC, weiß nicht welcher Rock-Freak das gepostet hat: ah ja.. Keith Richards, Hendrix, Iggy Pop, Janis Joplin, Jim Morrison, Bon Scott und und und... alle komplett drogenfrei, ja nee is klar

    seufz

  • User
  • 04.02.2011 17:25:19 M37

    Das ist ja das Gute an der "11freunde.de-Community". Sie ist so schön vorhersehbar:

    Label: Dirk Gieselmann, Hip-Hop --> reflexhaftes "flamen"

    Nachvollziehbar bei Jan Delay und zum größten Teil auch bei Afrob und Max Herre, aber das Interview ist doch wohl definitiv gut (sowohl Fragen als auch Antworten) und völlig street-credible...

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