Alternativer Spielbericht BTSV vs. Dynamo
Make love, not war
Text: Alex Raack Bild: Imago
Am ersten Spieltag der Dritten Liga empfängt Eintracht Braunschweig heute Dynamo Dresden. Ein Risikospiel? Iwo, es riecht nach Blumenketten, Hanf und einer leichten Sommerbrise. Ein alternativer Spielbericht.
»Das ist kein Risikospiel, das ist eine Partie mit erhöhtem Zuschaueraufkommen.« Genau. Martin Börner, Fanbeauftragter von Dynamo Dresden hatte die Zeichen erkannt, als er im Vorfeld der Partie Eintracht Braunschweig gegen Dynamo Dresden sanfte Worte für den Schlager am ersten Spieltag der neuen Drittliga-Saison fand. 17.000 Menschen machten sich auf den Weg ins Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße. Die einzigen Veilchen, die Dresdener Fans in der niedersächsischen Fußballstadt verteilten, stecken vermutlich noch immer in den Haaren der Eintracht-Fans.
Bereits am Bahnhof in Braunschweig hatte die Polizei ihren Augen nicht Glauben schenken wollen, als knapp 2000 Dynamo-Fans schunkelnd zu »We shall overcome« aus den blitzsauberen Bahn-Waggons getänzelt waren und in einem Akt der Brüderlichkeit mit der Staatsgewalt Bionade um die Wette trinken wollten. Einige aus dem Tross langhaariger Blumenkinder aus Elbflorenz hatten sich anschließend auf den mitgebrachten Klappfahrrädern in Richtung der nahen Herzogstadt Celle abgeseilt, um dem ansässigen Stickmuster-Museum einen freundlichen Besuch abzustatten.
»Sie hoben uns auf die Schultern«
Kreise der Polizei berichteten nach dem Spiel sichtlich verwirrt von der ausgelassenen Stimmung auf dem Weg ins Stadion: »Es war schon sehr überraschend, als uns die schweren Dynamo-Jungs auf ihre breiten Schultern hoben und Richtung Hamburger Straße trugen. So etwas haben wir hier noch nicht erlebt.«
45 Minuten vor dem Anpfiff durch Schiedsrichter Valentin aus Taufkirchen fanden sich Mitglieder der Dresdener Fanszene dann auch noch zu einem spontanen Sit-in vor dem Haupteingang des Eintracht Stadions ein, um gemeinsam mit Braunschweiger Fans einen stillen Protest gegen die Ölpest im Golf von Mexiko zu zelebrieren.
Im Stadion setzte sich die Love&Peace-Stimmung fort. Der Dynamo-Block intonierte wieder und wieder alte Gassenhauer der Friedensbewegung und sorgte für besondere Erheiterung auf den Rängen, als die einlaufenden Spieler mit aufs Feld geworfenen Müsli-Flocken begrüßt wurden. Erstaunlich auch die Haltung der Zuschauer bei den Anfangs noch häufiger auftretenden rüden Fouls beider Mannschaft. Attacken mit offener Sohle und allzu harte Bodychecks wurden mit Buh-Rufen und Pfiffen bedacht, die Braunschweiger Ultras entrollten nach fünfzehn Minuten Spielzeit ein zehn Meter langes Plakat mit der Aufschrift: »Mein Freund ist aus Dresden.« Rettungssanitäter berichteten nach dem Spiel von 90 Minuten Langeweile, lediglich nach dem brutalen Foul von Dresdens Jungnickel an Eintracht-Spieler Kumbela hatten die Helfer zu tun: Mitglieder der Gruppierung »Elb-Kaida« waren vor lauter Schreck in Ohnmacht gefallen.
Blumenketten und Fresspakete
Nach 90 Minuten und einem schiedlich-friedlichen 0:0 ohne besondere Vorkommnisse verließ der Gäste-Anhang das Stadion gemeinsam mit Braunschweiger Fans, um im Anschluss der Partie einem bekannten »Poetry-Slam« in der Braunschweiger Innenstadt zu lauschen. Erst um fünf Uhr morgens verließ der Dresdener Besuch die Stadt, am Bahnhof warteten hunderte Braunschweiger zur rührseligen Verabschiedung mit Blumenketten und Fresspaketen. Die Bahn hatte freundlicherweise die Abfahrt des Sonderzuges um zwölf Stunden verschoben.
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