Eckehard Feigenspan über das DM-Finale 1959
»Wie elektrisiert«
Text: Andreas Bock Bild: Imago
Das Meisterschaftsfinale 1959 gilt als die Mutter aller Main-Derbys. Nach Verlängerung siegte Frankfurt mit 5:3 gegen Offenbach. Wir sprachen mit dem dreifachen Torschützen Eckehard Feigenspan.
Eckehard Feigenspan, im Juni 1959 traf Eintracht Frankfurt im Finale um die Deutsche Meisterschaft auf Kickers Offenbach. Wie brisant war das Spiel?
Der Begriff Fußball-Derby ist ja seit jeher ein Synonym für erbitterte Rivalität und mitunter auch Hass. Als wir 1959 gegen Kickers Offenbach spielten, war das allerdings etwas anders. Zumindest auf Seiten der Spieler. Wir waren natürlich elektrisiert, ein Main-Derby, und dann noch im Endspiel in Berlin vor 80.000 Zuschauer. Doch Hass?
Sie kannten sich untereinander.
Ich spielte seit meiner Kindheit in Hessen, zunächst beim FC Nieder-Wöllstadt, später dann beim VfB Friedberg. Wir spielten um die Kreis- und Bezirksmeisterschaft, später um die Hessenmeisterschaft. Etliche meiner Mitspieler und Freunde gingen später zu Kickers Offenbach.
War dieser regionale Bezug ein Grund für den Zusammenhalt und für die Stärke der Mannschaft?
Definitiv. Unsere Mannschaft bestand fast ausschließlich aus Spielern, die aus Hessen stammten. Einzig Egon Loy kam aus Bayern und Istvan Sztani aus Ungarn, der war allerdings auch schon seit zwei Jahren, seit der ungarischen Revolution, bei uns. Ansonsten: Alfred Pfaff, Dieter Stinka, Hans-Walter Eigenbrodt – Jungs aus Hessen. Und Eintracht-Trainer Paul Oßwald stand über zehn Jahre bei Kickers Offenbach an der Linie. Oßwald kannte die Kickers also aus dem Effeff.
Kaum ein Trainer kannte den Fußball in Hessen so gut wie er.
Ihm war Zusammengehörigkeit sowieso sehr wichtig. Während den Endrundenspielen wohnten wir in der Sportschule unweit des Waldstadions. Es gab klare Regeln, Bettruhe um Elf, am Morgen sind dann die meisten zur Arbeit gegangen, ich in die Uni, um mein Maschinenbaustudium voranzutreiben. Nachmittags kamen zum Training alle wieder zusammen. Wir waren wie eine Familie.
Es heißt, die Eintracht sei nach der souveränen Endrunde 1959 klarer Favorit gegen Kickers Offenbach gewesen. Wie sehen Sie das?
De facto hatten wir in jenen Jahren eine großartige Mannschaft, und schon ein Jahr zuvor hätten wir uns für die Endrunde qualifizieren können – im letzten Spiel scheiterten wir an Jahn Regensburg, Alfred Pfaff verschoss einen Elfmeter. In der Saison 1958/59 starteten wir bescheiden, doch im Laufe des Jahres spielten wir uns in einen Rausch. Gerade die letzten Spiele der Endrunde waren phänomenal: Wir gewannen in Köln mit 4:2, in Pirmasens 6:2 und schlugen Werder Bremen zu Hause 4:2. Am Ende hatten wir 12:0 Punkte und 26:11 Tore. Kickers Offenbach hatte in der anderen Gruppe erheblich mehr Mühe. Von daher könnte man sagen, dass wir als Favorit ins Endspiel gingen. Allerdings hatten wir in der Vergangenheit schon häufiger gegen die Kickers verloren und ihre Mannschaft war 1959 kaum schlechter besetzt als unsere. Preisendörfer, Kraus, Kaufhold – das waren ja durchaus klangvolle Namen.
Welche Taktik gab Trainer Oßwald aus?
Da er die Kickers-Spieler gut kannte, gab er uns Tipps über Laufwege und Stärken. Er motivierte uns durch seine Ansprachen. Konkrete taktische Anweisungen gab es damals weniger. Wir wurden jedenfalls nicht so eng in Korsette gezwängt. Die Spieler kannten ihre Positionen und spielten auf dieser — und zwar nur auf dieser. Heute sagen Trainer ja immer wieder: Der Stürmer hat nicht genug nach hinten gearbeitet. Das gab es damals nicht. Ich war Stürmer – also blieb ich vorne, passte Bälle, machte Tore.
Mit wem harmonierten Sie besonders gut?
Dieter Lindner und Alfred Pfaff waren gute Passgeber, auch der Istvan Sztani. Am besten habe ich allerdings mit Richard Kress harmoniert. Der hat herrlich selbstlos gespielt. Ich habe von seiner Schnelligkeit und seinen Vorarbeiten profitiert.
Das erste Tor gegen die Kickers bereiteten Sie vor.
Wir legten los wie häufig in der Saison: Wie die Feuerwehr. Durch unser schnelles Sturmspiel überrumpelten wir unsere Gegner regelrecht. Das war schon gegen Pirmasens, Köln und Hamburg so. Nun bekam ich also nach wenigen Sekunden auf der rechten Seite den Ball und bediente Istvan Sztani, der das 1:0 schoss. Der Offenbacher Kraus glich allerdings acht Minuten später aus. Ein rasanter Beginn.
Nach einer Ecke köpften Sie das 2:1 – ein bis heute umstrittener Treffer. Wie bewerten Sie die Szene?
Ich soll meinen Gegenspieler in der Situation gestoßen haben, in Wahrheit haben sich die Offenbacher selbst behindert – das sieht man sogar auf den unscharfen Schwarz-Weiß-TV-Bildern.
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